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StZ-Mordfälle, Teil 7 „Der Mörder soll uns jeden Tag sehen“

Der Fall Anja A. – vor 18 Jahren ist in Bad Cannstatt eine Gymnasiastin umgebracht worden

Von Michael Ohnewald und Markus Heffner


Draußen legt der Herbst sein rostfarbenes Laken über den Muckensturm. Das Wohnviertel liegt auf einem Hügel über der Stadt. Von dort hat man tiefe Einsichten. Und doch bleibt hier manches verborgen.


Drinnen sitzen Waltraud und Heinrich A. und blättern im Fotoalbum ihrer Tochter. Schnappschüsse dokumentieren ein kurzes Leben. Anja mit den Eltern. Anja verträumt auf einer Bank. Anja im Urlaub. Anja an Weihnachten. Es sind keine besonderen Fotos, aber das Schicksal hat sie besonders wertvoll gemacht. Die letzten Aufnahmen im Album zeigen ein Grab auf dem Hauptfriedhof in Steinhaldenfeld. Es gibt keine Ruhe, dieses Grab. „Anja“, steht auf dem Stein. „Heimtückisch ermordet.“


Waltraud A. betrachtet die Fotos nicht lange, weil sie noch immer ein Kraftfeld haben, das Besitz ergreift von ihr und den Schmerz verstärkt. Sie schläft ein mit diesem Schmerz, und sie wacht auf mit ihm. Seit 18 Jahren schon. „Hier ist das letzte Foto, das Anja in der Hand hatte“, sagt die Mutter. Ein Foto vom Tanzkurs. An jenem Abend hat sie es eingeklebt. Am 27. März 1987.


Es ist ein stürmischer Freitag, kalt und ohne großartige Versprechen. Plötzlich fällt Anja ein, dass sie noch in den Konfirmandenclub sollte, weil sie jemand fünf Mark schuldet. Sie hatten eine Woche zuvor Pizza gebacken und die Kosten der Zutaten auf alle in der Gruppe umgelegt. Also macht sie sich auf zur Luthergemeinde unweit des Kursaals. Der Tag hat sich schon davongestohlen und ihre Eltern wundern sich. Es ist das erste Mal, dass Anja ohne ihre Freundin aus der Nachbarschaft zum Treffen der Jugendgruppe fährt. Sie will um 21.30 Uhr zurück sein.


Waltraud und Heinrich A. bleiben mit ihrer zweiten Tochter Stefanie, die sechs Jahre jünger ist als Anja, zu Hause in der Wohnung. Das Fernsehprogramm lässt hoffen an diesem tristen Tag. Im Ersten läuft um 20.15 Uhr ein Western mit Henry Fonda. „Höchster Einsatz in Laredo“. Im Zweiten klärt „Der Alte“ seinen nächsten Mord. Anja verbringt die letzten Stunden ihres Lebens mit Freunden im christlichen Jugendclub. Sie ist beliebt und weiß, was sie will. Nach der zehnten Klasse möchte sie das Cannstatter Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums verlassen und eine Lehre machen. Den Ausbildungsplatz als Dekorateurin hat sie sicher.


Gegen 21 Uhr begibt sich Anja mit Andreas vom Konfirmandenclub zur Haltestelle am Kursaal. Um 21.15 Uhr trennen sich die beiden, denn Andreas muss nicht zur Straßenbahn, sondern wohnt in der Nähe. Er lässt Anja an der Haltestelle zurück. Von hier geht ihr Weg in den Tod. Ein Weg, bis heute mit Ungewissheit gepflastert, weil niemand mit letzter Sicherheit sagen kann, was in der Nacht wirklich passiert ist.


Um 21.16 Uhr wäre am Kursaal die nächste Straßenbahn der Linie 2 zur damaligen Endhaltestelle an der Oberen Ziegelei gefahren. Von dort ist es für Anja nicht mehr weit nach Hause. Sie kann entweder mit dem Bus ins Wohngebiet Muckensturm fahren oder einen unbeleuchteten Fußweg nehmen, der von der Schmidener Straße hinaufführt, entlang an Weinbergen und Kleingärten. Aber noch steht sie am Kursaal. Ein Zeuge meint, dass er Anja kurz vor Abfahrt der Straßenbahn gesehen habe mit einem Mann, dessen Stimme freudig überrascht klang. Vielleicht ist sie also gar nicht eingestiegen. Vielleicht ist sie mit dem Bekannten im Auto gefahren. Vielleicht hat sie die nächste Straßenbahn um 21.31 Uhr genommen.


Sicher ist, dass drei Zeugen gegen 21.40 Uhr unabhängig voneinander einen Schrei hören im Weinberg unterhalb des Muckensturms, einen Schrei, scharf wie ein Skalpell, der die Nacht durchschneidet. Diese Zeugen melden sich später bei der Polizei. Später, nicht gleich. Die A. ahnen davon nichts. Sie warten. Immer wieder geht die Mutter hinaus auf den Balkon, um auf die Straße zu schauen. Anja kommt nicht. Dann rufen sie bei einem Schulfreund an und auch beim Leiter des Konfirmandenclubs. Noch in der Nacht alarmiert der Vater die Polizei.


Am nächsten Morgen müssen sie aufstehen, wie jeden Morgen, als wäre nichts gewesen. Dabei fehlt jemand, mit dem sie 17 Jahre ihres Lebens geteilt haben. Die Polizei vermutet das Schlimmste, als auf dem Brachgelände der Ziegelei Anjas Foto aus dem Verbundpass entdeckt wird. Suchmannschaften durchkämmen die Weinberge und die Kleingärten. Die Eltern warten zu Hause. Irgendwann klingelt das Telefon. Es ist Gerhard Mayer-Vorfelder, der um die Ecke wohnt. „Er hat uns gesagt, dass seine Frau in der Nacht einen Schrei gehört habe, als sie den Sohn ins Bett brachte“, erzählt Heinrich A.. Das Warten nimmt kein Ende.


Erst am Montag wird Anja gefunden, in einem Gemüsebeet wenige Meter vom Fußweg zum Muckensturm entfernt. Die Hundestaffel war Stunden zuvor durch dieses Gebiet gezogen und hatte keine verdächtigen Spuren gefunden. Der Leichnam wäre wahrscheinlich nie entdeckt worden, wenn später nicht ein aufmerksamer Gartenbesitzer im Beisein eines Polizeibeamten seinen in der Freizeit angelnden Nachbarn gefragt hätte, ob er wieder mal in einer Rabatte nach Würmern gesucht habe. Die Polizei geht mit Schaufeln ans Werk, ohne damit zu rechnen, in diesem Beet eine Tote zu finden, weil alles so sauber wirkt, fast besenrein. Plötzlich taucht ein lebloser Körper auf. Die Obduktion ergibt, dass Anja erwürgt worden ist.


Stuttgart ist schockiert über den Tod des Mädchens. Tausende nehmen teil am Schicksal der Familie – und an einem Trauermarsch. „Anja wurde aus dem Leben herausgerissen“, sagt der Pfarrer bei der Beerdigung. „Gottes Wille war das nicht.“


Wessen Wille war es dann? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, zieht die Polizei alle verfügbaren Kräfte zusammen. Bis zu 60 Kriminalbeamte ermitteln in dem Fall, viele von ihnen gehen bis an den Rand der Erschöpfung. Auf den Feldern zwischen Cannstatt und Waiblingen werden Teile von Anjas zerschnittener Kleidung gefunden. Wahrscheinlich sollten die Fetzen vom wahren Tatort ablenken. Als sich ein Zeuge meldet, der am Freitagabend beim Spaziergang zwei junge Männer im erregten Gespräch mit einer jungen Frau gehört haben will, überprüfen die Fahnder 531 junge Männer aus der Umgebung im Alter von 15 bis 27 Jahren auf ihre Alibis. Sie verteilten Fahndungsplakate, bestückten eine Puppe mit nachgekauften Kleidern, die Anja in der Tatnacht getragen hat, und veröffentlichten die Bilder. Im Neckarstadion wird vor dem Bundesligaspiel des VfB gegen Dortmund auf der Videowand ein Bild der Ermordeten gezeigt. Weil der Täter sein Opfer eingegraben, alles aufgeräumt und kein Werkzeug am Beet hinterlassen hat, befragen die Beamten gezielt Totengräber. Auch bei Anglern suchen sie nach Spuren. Zeitweise setzen die Fahnder sogar einen weiblichen Lockvogel ein, weil sie nicht ausschließen können, dass sich der Täter nochmals an einer Frau vergreift.


Trotz der aufwendigen Ermittlungen kommt die Mordkommission nicht entscheidend weiter. Die Mannschaft wird nach Monaten durch frische Kräfte ergänzt, der Fall auch in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ platziert. Als Belohnung werden außerdem 36.000 Mark ausgesetzt, der zweithöchste Betrag in der Stuttgarter Fahndungsgeschichte. All das führt nicht zum Täter.


Auch wenn der Mord an Anja schon 18 Jahre zurückliegt, und die Sonderkommission längst aufgelöst ist, und die Beamten alles getan haben, was mit Tüchtigkeit und Fleiß zu tun war, ist der Nachhall dieses Falls bis heute zu spüren in den langen Fluren des Stuttgarter Polizeipräsidiums. Vor drei Jahren haben sich Spezialisten nochmals durch mehr als 90 Ordner gekämpft und eine operative Fallanalyse gemacht, wie das im Jargon der Kriminalisten heißt. Sie haben ein Täterprofil erstellt und eine Hypothese erarbeitet. Danach war der Täter nicht unter 30 Jahre alt, verfügte über intime Kenntnisse der Kleingartenanlage, war im Muckensturm mit der Örtlichkeit vertraut und kannte Anja so gut, dass er für sie „positiv besetzt“ war. Daraus ergeben sich für Kriminaloberkommissar Maximilian Bruns, der heute Pate des Falls ist, trotz der langen Zeit weitere Ansätze für polizeiliche Ermittlungen.


Auch die A. tun das ihre, damit nicht vergessen wird, was geschehen ist, und damit vor allem der Mörder nicht vergisst. Sie vermuten ihn irgendwo in der Nähe. Und deshalb sind sie auch nicht weggezogen. „Es muss jemand sein, hier aus dem Umkreis, der uns kennt“, sagt der Vater. „Wir kneifen nicht. Er soll uns jeden Tag sehen und immer wieder erinnert werden.“


Viele Jahre lang hat Heinrich A. als Architekt gearbeitet. Von seinem Büro aus hat er auf jenen Garten geschaut, in dem Anja verscharrt worden ist. Er hat das ausgehalten, auch wenn das nur schwer auszuhalten ist. Und jetzt als Rentner, ist es nicht anders. Manchmal begegnen ihm Männer beim Spaziergang auf der Straße und er denkt sich: „Die könnten es gewesen sein.“


Stille liegt in der Wohnung, für einen Augenblick ist es, als hätten die Zimmer aufgehört zu atmen. „Freitags ist es am schlimmsten“, sagt Waltraud A., und dann holt sie das Poesiealbum ihrer Tochter und deutet auf Zeilen, die Anjas Lehrerin geschrieben hat, lange vor dieser grausamen Nacht. „Ein Wunsch, du Menschenkind, ich hoffe für dich, für uns, dass deine jetzt weit geöffneten fragenden lachenden Augen sich nicht weiten müssen vor Entsetzen in den kommenden Zeiten über die Zeit.“


Die Zeit heilt alle Wunden, sagt der Volksmund. Aber der Volksmund hat kein Kind verloren. Waltraud und Heinrich A. können nicht verstehen, dass in jener Nacht keiner ihrer Tochter geholfen hat, die selbst immer hilfsbereit gewesen sei. Sie können nicht glauben, dass der Täter alleine war. Sie können auch nicht begreifen, wie es ihm gelungen sein soll, den Leichnam zu vergraben, alles zu kehren und herzurichten, und vielleicht auch übrige Erde abzutransportieren, ohne dass es jemand gesehen hat. Sie können nicht glauben, dass die Familie des Mörders, der völlig verdreckt gewesen sein muss, nichts gemerkt hat. Und sie können nicht verstehen, warum er gedeckt wird.


Waltraud und Heinrich A. sitzen mit ihren Fragen allein im Wohnzimmer. Sie haben Anjas Bilder vergrößern lassen und an die Wand gehängt. Damit sie sehen, wie sie war, wenn sie schon nicht wissen, wie sie vielleicht geworden wäre.

01.11.2005 - aktualisiert: 01.11.2005, 15:42 Uhr

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